Können wir gesetzesartige Hypothesen überhaupt von zufälligen unterscheiden? Das fragt Nelson Goodman in seinem philosophischen Klassiker von 1955. Goodman bringt Qualitätszuschreibungen mit Zeitverlauf in Verbindung und konfrontiert die Philosophen (zu ihrer Freude oder Unfreude) mit neuen Formen des Unwissens.

Dass Begriffsgenauigkeit ihm sehr am Herzen liegt, zeigt Goodman mit seinen kleinteiligen Analysen von Prädikaten in Verbindung mit möglichen Zuständen oder Verhaltensweisen (Dispositionen). Wiederholt seziert er Prädikatbildung mit beinahe mathematischer Gründlichkeit und Akribie und die Goodman’schen Begriffschöpfungen, wie z.B. grot und rün, geistern bis heute durch die philosophische Fachliteratur.

Am bekanntesten sind wohl seine Wortschöpfungen, wie etwa grückig, gründ, grot, rün. Er bringt dadurch Prädikatszuschreibungen (in seinen Beispielen meistens Adjektive) eines Gegenstandes mit dem Zeitpunkt in Verbindung , zu dem der Gegenstand auf das Prädikat hin untersucht wird. Grot bezeichnet zum Beispiel alle Gegenstände, die vor dem Zeitpunkt, t, untersucht wurden, wenn sie grün sind, oder rot sind und nicht vor dem Zeitpunkt, t, untersucht wurden.

Interessant sind aber auch seine weniger populären Textstellen. Zum Beispiel kann man bei Goodman eine über zehnseitige Abhandlung zum ThemaBiegsamkeit” lesen. Hand aufs Herz: Was meinen wir denn wirklich mit dem Wort “biegsam”?

Bedeutet die Aussage, dass ein Gegenstand “biegsam” ist, dass der Gegenstand sich dann biegt, wenn man die passende Kraft dazu aufbringt? Ist das eine mathematisch exakte “wenn-dann”-Beziehung oder braucht man weitere günstige Umstände, damit sich der Körper biegt? Gilt das ganze auch in einer rein hypothetischen Beziehung; das heißt, kann man einen Gegenstand auch dann “biegsam” nennen, wenn er niemals gebogen wird?

Wir wollen von jetzt an für ‘biegt sich unter einen passenden Kraft’ ‘biggt‘ und “biegt sich unter einen passenden Kraft nicht’ ‘nonbiggt’ sagen. Nun schließen sich ‘biggt‘ und ‘non-biggt‘ gegenseitig aus, und eines davon trifft immer auf einen Gegenstand zu, der einer passenden Kraft unterworfen ist; doch auf andere Gegenstände trifft keines von beiden zu. […] Im Bereich der Gegenstände, die keiner passenden Kraft unterworfen sind, bilden die beiden Prädikate nicht nur eine Dichotomie, sondern fallen mit ‘biegsam’ und ‘nicht biegsam’ zusammen. […] Ein Prädikat wie ‘biegsam’ lässt sich also als eine Erweiterung oder Fortsetzung eines Prädikats wie ‘biggt’ auffassen. Das Problem besteht darin, solche Fortsetzungen lediglich mittels manifester Prädikate zu definieren.

(Im Folgenden geht Goodman dann auf die Problematik ein, manifeste Hilfsprädikate zu finden, die mit ‘biggt’ über Gesetze oder kausale Zusammenhänge auf geeignete Weise zusammenhängen, wofür es seiner Meinung nach kein allgemeingültiges Kochrezept gibt.)

Was soll man denn nun mit diesem Text anfangen? Mein persönliches Fazit geht unter anderem auf die folgende Textstelle zurück:

Das Argument, man solle besser auf die Definition eines Ausdrucks bei Erklärung verzichten, falls er nicht üblicherweise von Laien oder Wissenschaftlern definiert werde, ähnelt dem Argument, die Philosophie brauche nicht systematisch zu sein, soweit nicht die von ihr beschriebene Wirklichkeit systematisch sei. Ebensogut könnte man sagen, die Philsophie solle nicht auf Deutsch geschrieben werden, da die Welt nicht auf Deutsch geschrieben sei.

Insgesamt lese ich den Text von Goodman als brennende Befürwortung einer möglichst exakten und wohlüberlegten Begriffsnutzung. Er macht uns darauf aufmerksam, wie schwer es uns fällt, mögliche Wahrheiten von tatsächlichen Wahrheiten zu unterscheiden. Mir ist nach der Lektüre wieder einmal klar geworden, dass außerhalb von lokal definierten Axiomensystemen (die Goodman übrigens auch im Blick hat) keine absoluten Wahrheiten oder Gesetzmäßigkeiten existieren müssen. Ob das so ist, bleibt aber vermutlich eine Glaubensfrage.

Viel Spaß beim Lesen wünsche ich all denjenigen, die Freude an ernsthaften philosophischen Texten mit unterhaltsamen Wortschöpfungen haben. Biggt die grückigen groten Rünen! Prost!

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